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Wir leben mit beschränkten Ressourcen und deshalb müssen wir Entscheidungen treffen. Aus dieser Aussage heraus ergibt sich zwingend die Auseinandersetzung mit Ethik und somit auch mit Ästhetik1 Ästhetik im Sinne von Wahrnehmung und Empfindung, jetzt im Moment besonders im Kontext von Gesundheitsökonomie.

„Junges Sterben ist teurer als altes Sterben.“

Tanja Krones in: „NZZ Standpunkte“ vom 08.06.2020 zum Thema „Corona-Maßnahmen in der Kritik: »Mit dem Besuchsverbot sind wir definitiv zu weit gegangen«“.

Lassen wir die Mystik und die Meta-Physik weg, so gibt es eine 100% Wahrscheinlichkeit, also eine Sicherheit, dass Leben sterben wird, dass jedEr von uns sterben wird. Ja, das Leben ist tödlich oder leben endet mit Sicherheit fatal. Für Existenzialisten ist diese Tatsache im Mittelpunkt, sie leben mit diesem Bewusstsein Tag für Tag und es wirkt befreiend. Wir müssen uns den Sisyphus, so schreibt Albert Camus, als einen fröhlichen und zuversichtlichen Menschen vorstellen. Das ist „die Mutter“ aller Paradoxien unserer bewussten Existenz. Wie schön ist das. Am Ende sind wir alle gleich, wir sterben und sind tot.

Und doch, im Leben und auch in der Art des Sterbens gibt es große Unterschiede und Ökonomie, ganz sicher mehr als Gesundheitsökonomie, spielen eine wesentliche Rolle. Ressourcen sind knapp, ist die Grundthese der Ökonomie. Was die Ressource Zeit betrifft, die wir leben, so ist diese Annahme ausnahmsweise 100% zutreffend. Die Lebenszeit, die wir bekommen oder auch uns geben, ist mit Sicherheit eine beschränkte Ressource, jede einzelne Sekunde davon.

Somit ergibt sich schon allein aus dieser Erkenntnis die Frage nach einer passenden Ressourcen-Verteilung. Die Beschränktheit einer Ressource zwingt uns, zu entscheiden und somit entstehen Fragen nach der Art und Weise einer Entscheidung, der Ethik. Und genau in diesem Kontext hilft die Ästhetik. Entscheiden heißt fühlen, ganz egal, wie sehr konservative Ökonomie „Entscheiden“ auf „Rationalität“ oder „Vernunft“ reduzieren will.

Der Utilitarismus lehrt weiter, dass es Nutzen geben soll. Also eine Handlung hat einen Nutzen und Kosten. Überwiegt der Nutzen den Kosten, so ist es „rational“ – also utilitaristisch gesehen – eine gute Entscheidung. Und dabei ist klar, dass die Ein- oder Beschränkung des utilitaristischen Konzeptes immer die Fragen nach dem Fokus, der Ästhetik ist. Was wollen wir sehen, was wollen wir in die Betrachtung mit einbeziehen und was eben auch nicht. Jede Entscheidung ist (systemtheoretisch gesprochen) immer eine Entscheidung „für“ und „gegen“ etwas.

All das ist soweit rein theoretisch, weil inhaltsleer. Es fehlt der Betrachtung ein konkreter Anlass, über den entschieden werden muss. Die Methode oder die Theorie beschränkt einzig die Ästhetik, sagt jedoch nichts über die Qualität der Entscheidung. Diese lässt sich im Übrigen auch in der Regel immer erst im Nachhinein substanziell bewerten.

Je älter das Leben, umso höher die Wahrscheinlichkeit des Sterbens. Das lässt sich statistisch sagen und doch, so ist das mit der Statistik, sagt auch sie nichts über den Einzelfall. Denn der Einzelfall kann eben immer auch der statistische Ausreißer sein.

Wird mit Corona niemand über dem Alter von 85 Jahre weiter behandelt, weil das der Statistik widerstrebt, weil die Mortalitätsquote hier ohnehin nahezu 100% sein wird, so ist es eine Basis für eine Entscheidung. Für die/den fitten 85jährigEn leider bitter.

Die ökonomische Frage außerhalb der Individualbetrachtung ist hier nochmal deutlich schwieriger. Erste Berechnungen kommen auf, wie viele Todesfälle durch Quarantäne und Co. vermieden worden sind. Welches Leid und wie viele Todesfälle durch Quarantäne und Co. ausgelöst wurden, wird sich wohl nie brauchbar errechnen lassen. So ist das mit dem Utilitarismus, er bleibt immer theoretisch und ästhetisch beschränkt.

PolitikerInnen haben Entscheidungen getroffen und das, soweit ist das gewiss, mit bestimmtem Kalkül. Einzig das politische System wird in diesem Kontext eine Antwort geben können, ob es „gute“ Entscheidungen und für „wen“ waren. An der Wahlurne wird bewertet werden, für wen die „richtigen“ Menschen gestorben sind und für wen die „richtigen“ Menschen gewonnen oder auch verloren haben. Das hat wenig mit Ethik im „höherem“ Sinne zu tun. Es ist Politik auf Basis von Ästhetik und diese Ästhetik ist geprägt von den Wahrnehmungen, die als relevant gelten. Die Relevanz ergibt sich aus dem, was kommuniziert oder auch nicht kommuniziert wird. Meinungsbildung bleibt auch in der Bewertung von Leben und Tod, in der Entscheidung um Leben und Tod wesentlich, macht verantwortlich.

Diese Betrachtung steht im radikalen Widerspruch zu „bounded rationality“ Konzepten. Es gibt kein „richtig“ und „falsch“, keine „göttliche“ Rationalität oder das einzig richtige Optimum, das von außen, außerhalb des System berechnet werden könnte. Wir, jeder von uns, ist immer schon im System. Die Entscheidung ist immer „für“ und „gegen“ etwas, die Referenz für Rationalität schlicht nicht vorhanden. Niemand wird je bewerten können, ob z.B. „einfach nichts tun“ die bessere Variante gewesen wäre – kurz, mittel oder langfristig. Denn wir können die Zusammenhänge und Reaktionen nur teilweise sehen. Diese Sichtweise hat im Übrigen den Vorteil, dass immer eine gewisse „Verunsicherung“ bleibt, die das Potential in sich trägt, Verantwortung übernehmen zu müssen.

Ältere Menschen sterben zu lassen macht nur dann Sinn, wenn davon ausgegangen wird, dass die älteren Menschen dabei einen geringeren Verlust an Lebenszeit hinnehmen müssen und auch die „Allgemeinheit“ dadurch weniger Verlust hinnimmt. Das ist soweit „einfaches“ abzählen von Lebensjahren – einfache Mathematik. Und doch sagt auch sie nichts über die Qualität der Entscheidung. Ist ein fröhlicher alter Mensch, der der Allgemeinheit gut tut weniger Wert, als ein suizidaler, „burnout“ und „midlifecrises“ geplagter Mitte 40jähriger? Die Statistik sagt uns, dass die Lebens-Zufriedenheit bis Mitte 40 auf einen Tiefpunkt kommt und dann wieder ansteigt. Also sind ältere Menschen statistisch gesehen zufriedener als jüngere.

Stirbt ein jüngerer Mensch, so sind ihm viele Lebensjahre genommen – rein statistisch. Individuell betrachtet kann das ganz anders sein. Somit ist die entscheidende Frage, wie viel Ressourcen sind für die Anamnese und Diagnose vorhanden, um individuell entscheiden zu können und wie viel Ressourcen können aus all den anderen Notwendigkeiten abgezogen werden, um dies möglichst gut durchführen zu können. Kurzfristig und unmittelbar lässt sich dann relativ „einfach“ eine Priorisierung finden. Wer die bessere Chance auf Genesung hat und jünger ist, wird bevorzugt behandelt. Da lässt sich wenig dagegen argumentieren.

Die Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der medizinischen Versorgung hatten ihren Preis. Sie sind getragen von Solidarität zu einem relativ günstigen Preis gekommen. Die Gewinner sind neben Amazon vor allem die Menschen, die nicht direkt sterben mussten. Die Verlierer, die durch die Maßnahmen Suizid, Konkurs, Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit erleiden müssen. Daraus errechnen Ökonomen die Umwegrentabilitäten. Das klingt brutal, ist es aber nicht. Leben retten kostet, hat Opportunitäten und unter beschränkten Ressourcen einen Preis. Die ressourceneffiziente Allokation zum jeweilig passenden Zeitpunkt zu finden wäre die Kunst der Planung.

Planung und Wahrsagung sind eng verwandte, wenn nicht sogar synonym zu verwendende Begriffe. Niemand konnte noch Anfangs 2020 ahnen, dass 2020 so verlaufen wird. Niemand war auf dieses Szenario vorbereitet, niemand hatte es in seinem Plan. Einzig was schon seit längerem klar war und ist, dass die liberalisierte Pharmaindustrie beachtliche Lücken zulässt. Die Eintrittswahrscheinlichkeiten von Pandemien wie die von Covid-19 sind wirtschaftlich uninteressant. Zu gering, um Millionen in die Forschung von Impfstoffen gegen Viren zu stecken, die vielleicht nie ausbrechen und so im aus markt-wirtschaftlicher Sicht schlimmsten Fall ohne Umsatz und Rendite bleiben.

Covid-19 ist nur ein Virus von nicht klar beschreibbaren anderen Viren, die eine Pandemie auslösen können, so schätzen es verschiedene „ExpertInnen“ ein. Covid-19 ist von der Mortalitätsquote relativ „harmlos“. Ebola mit deutlich höherer Mortalität ist aus verschiedenen Gründen territorial eingeschränkt verlaufen. Alles anderen ist ohne aktive Forschung reine Vermutung und in Vermutungen investiert kein Börsen- & Aktienkursgetriebenes Unternehmen. Das lässt sich den AktionärInnen gegenüber nicht vertreten und „verkaufen“. Covid-19 ist ein klassisches Marktversagen und es zeigt ganz deutlich, dass dies richtig teuer werden kann. Die bisher ca. 400T Verstorbenen aufgrund von Covid-19 bleiben da in einem verschwindend kleinen Volumen (0,005% zur Weltbevölkerung). Auf Basis dieser Zahl geht der Befund zu Ethik und Ästhetik der Covid-19 Maßnahmen positiv aus.

Auf Basis der Nebeneffekte wird der Befund deutlich schwieriger. Bemerkenswert ist und bleibt, was Stalin sehr bedauerlicherweise schon verstanden hatte:

„EinE TotEr ist eine Tragödie, 400T Tote ist eine statistische Zahl.“

in trauriger Anlehnung an Joseph Vissarionovich Stalin

Auch das ist Ästhetik und hat nichts mit „bounded rationalitäty“ zu tun. Es ist pure Emotion auf Basis von Kommunikation. Bleibt sie unterbewusst, dann können die Auswirkungen unmenschliche Ausmaße annehmen, die sich der Vorstellung entziehen.

Die Suizid-Rate in Wuhan und weltweit ist jedenfalls seit der Covid-19 Maßnahmen signifikant gestiegen. Der Zusammenhang zwischen einem Selbstmord und Covid-19 Maßnahmen ist zu vielfältig, als er linear aufgelöst werden wird können. Somit wird schon allein aus diesem Grund relativ unklar bleiben, was die Nebenwirkungen, die negativen „Umweg-Rentabilitäten“, der Covid-19 Maßnahmen waren und sind.

Einzig eines ist wohl weitestgehend unbestritten klar nunmehr: Die Liberalisierung von Pharma-Forschung bringt kurzfristig Rentabilitätssteigerungen, doch die Nebenwirkungen sind dabei nicht eingepreist und würden jedes privatwirtschaftliche Geschäftsmodell ruinieren. Aus meiner Sicht ist es sehr deutlich, dass die Pharma-Unternehmen, die keinen Impfstoff oder eine Therapie gegen das Covid-19 Virus hatten und bis heute haben, eine wesentliche Verantwortung tragen. Nicht nur für die bisher ca. 400T unmittelbar Verstorbenen, sondern auch für all die anderen Kosten, die letztlich wir alle tragen werden.

Verloren haben zunächst all die, die gestorben sind, teilweise unter schlimmsten Umständen, ganz allein, ohne Besuchsrecht. Hier ist die Betroffenheit am stärksten. Gewonnen haben Online-Shops, denen ist das egal.

Die (unabhängige) Forschung ist sehr gut in der Lage, auch unter beschränkten Ressourcen, Bedrohungen zu identifizieren und ist ästhetisch in der Lage, dabei zu unterstützen, das Sterben zu verhindern oder zumindest menschlich zu „organisieren“. Der Marktmechanismus ist jedoch nicht in der Lage, entsprechende Vorkehrungen zu treffen oder Strukturen zu entwickeln. Das und vor allem das zeigen all die notwendigen Maßnahmen rund um Covid-19.

Das ist insofern besonders besorgniserregend, da Covid-19 in diesem Kontext eher „nur“ Symptom ist, als Ursache. Ist dem so, muss davon ausgegangen werden, dass der Markt auf die aktuell wesentliche Bedrohung, die drohende Klimakatastrophe, keine Antwort geben wird.

Wie wird die Ethik und Ästhetik des Sterbens dann sein, wenn es kein Wasser und kein Essen weiter gibt, wenn die Naturkatastrophen überhand nehmen und die unmittelbar lebensnotwendigen Ressourcen weiter knapp werden?

Hier wird es dann nicht mehr ganz so „einfach“ zu sagen sein, wer wird behandelt, wer bekommt das Intensiv-Bett in der Klinik und wer nicht, denn die Entwicklung verläuft schleichend und das ist im Kontext von Ästhetik sehr gefährlich.

Längst haben ForscherInnen und DenkerInnen verstanden, dass es „ganz einfach“ zu viele Menschen sind, die auf dem Planeten leben, um das Leben für alle nachhaltig möglich machen zu können. Die UNO hat darauf hingewiesen. Und doch, wir lassen es zu, denn die moderne Ethik sagt uns, es geht doch, zumindest für den Moment und über die Zukunft lässt sich nicht „wissen“, bestenfalls spekulieren, wie über die Wetterprognose über 3 Tage hinweg in wetteranfälligen Regionen, wie die der Alpen. Dafür benötigen wir Ästhetik.

Ein Menschenleben darf keinen Preis haben, ist eine schöne Ironie. Sind Ressourcen knapp und käuflich, so ist die Frage der Verteilung zu klären und diese Frage ist eine rein politische, keine ökonomische.

Jeder Mensch hat das gleiche Recht auf Leben, ist ein schönes Ideal. Sind Ressourcen knapp und käuflich, so ist die Frage der Zutrittsbeschränkungen zu klären. Entscheidet die Verfügbarkeit von Geld über den Zutritt zu knappen medizinischen Ressourcen, so wird ganz klar das Menschenrecht auf Leben ausgehebelt. Die Qualität einer medizinischen Behandlung und somit das Recht auf Leben darf nicht von monetären Möglichkeiten abhängig sein. Ist dieses Recht von monetären Kriterien durchbrochen, entscheidet die „Leistungsfähigkeit“. „Leistungsfähige“ haben das Recht auf bessere Gesundheitsversorgung, als weniger „Leistungsfähige“. Das wirkt unmenschlich, weil ungerecht. „Aus meiner Sicht“ – so meine individuelle Ästhetik – ist das so.

Covid-19 hat soweit ich informiert bin gezeigt, dass im Katastrophen-Fall diese Mechanismen weitestgehend ausgehebelt waren und sind. Das „beruhigt“. Zumindest im Katastrophen-Fall sterben wir somit ähnlich. Nur wohl kaum jemand wünscht sich diesen Fall.

Es gibt einiges zu tun.